Viva la Polymerization – Ein Kanalsanierungskrimi
„Los, fahr endlich schneller“, drang es wie durch einen Nebel zu mir durch. Schneller, warum sollte ich schneller fahren? Ich versuchte mich zu orientieren. Wo war ich? Die Stimme kannte ich. Es war Kalle, mit dem ich seit Jahren zusammenarbeitete. Kalle! Das bedeutete: Ich war am Arbeiten. War das einer dieser Tagträume, die mich in letzter Zeit heimsuchten?


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Ich zwang mich die Augen zu öffnen. Blinkende Lichter und Monitore erschienen. Zunächst verschwommen, aber dann immer klarer. „Fahr endlich schneller, ich will nach Hause“, schrie mich Kalle an. Ich hörte seine Stimme nur undeutlich. Das triefe Dröhnen des Kompressors überlagerte alles. Es hörte sich an wie ein alter Song von Marius Müller-Westernhagen „Nun fahr schon los, ich will nach Hause Taximann. Fahr endlich schneller und halt nicht dauernd an.“ Ich mochte diesen Song.
Ich saß in meinem Lkw, umgeben von den ganzen elektronischen Schaltungen, die ich bedienen konnte und deren Funktion nur dem einen Zweck dienten: ein grelles Licht zu erzeugen. Ja, das war mein Arbeitsplatz. Ein Kanalsanierungs-Lkw. Ich hatte schon vieles in meinem Berufsleben gemacht, hatte mit Holz gearbeitet, mit Stahl, hatte Menschen geführt und bin dann irgendwann in die Kanalsanierung gekommen. Zugegeben, allein der Begriff hätte mich früher abgeschreckt, aber seitdem ich dabei bin, erfüllt mich der Job zutiefst. Es ist gelebter Umweltschutz, auch wenn irgendwie niemand damit etwas zu tun haben will. Ich mochte den Job und meine Kollegen. Kalle! Kalle wollte nach Hause. Wir hatten noch etwa zwei Stunden Fahrt vor uns und ehrlich gesagt – ich wollte auch nach Hause zu meiner Frau und den Kindern. „Los, gib endlich Gas“, versuchte es Kalle wieder. Gas geben bedeutete, ich soll die Lichterkette schneller durch den Schlauchliner ziehen. Und genau das war es, was wir taten. Wir sanierten alte undichte Kanäle, die durch diese Undichtigkeiten zur sogenannten Exfiltration führen, die dann das Grundwasser verschmutzen. Umweltschutz, schoss es mir durch den Kopf. Genau das war es, was als Beschreibung des Berufs zutraf und was ich immer antwortete, wenn ich gefragt wurde, was ich denn beruflich so mache. Eigentlich ist das, was wir tun, sehr clever. Im Prinzip nehmen wir eine mit einem Kleber getränkte Socke, die dann mit Luftdruck an die alte Kanalwand gepresst wird. Mein Job ist es, diesen Kleber dann auszuhärten und genau wie beim Zahnarzt wird das heute oft mit Licht gemacht. Und das ist meine Aufgabe!
Licht, dachte ich mir, war schon etwas ganz Besonderes. Ich stellte mir vor, wie die Elektronen – ich hatte ehrlich gesagt keine Ahnung, wie Elektronen aussehen, stellte sie mir aber als kleine Kugeln vor –, die ja letztendlich die elektrische Ladung ausmachen, durch die Leitungen, also die Kabel, flossen und in der Gasentladungslampe ihre Energie freisetzten. Eine Energie, die so hoch ist, dass das in den Lampen enthaltene Quecksilber angeregt wird und verdampft. Das Elektron schickt beim Zurückfallen in den Grundzustand dann Lichtquanten aus. Hatte ich tatsächlich gerade an Lichtquanten gedacht? Ich hatte den Begriff mal in einem Vortrag von Prof. Sebastian aufgeschnappt. Ein Quant, so wusste ich noch, war ein Energiepaket und das schicken wir nun auf die Reise zu unserem Kleber. Wir hatten gerade ein Inferno entfesselt. Diese Energie reicht aus, das wusste ich, um Moleküle, also kleine Bausteine, aus denen das ganze Universum besteht, zu zerstören. Aber ich will diese zerstörerische Kraft ja nicht wie in Science-Fiction-Filmen von George Lukas oder Gene Roddenberry zur Vernichtung verwenden; eigentlich wollte ich lediglich den Kleber in meinem Schlauchliner aushärten. Aber genau das mache ich mit dieser destruktiven Kraft. Ich zerstöre!
Wenn dieses Lichtquant auf den Kleber trifft, dann wird seine Energie übertragen. Diese diskreten Energiepakete führen dazu, dass bestimmte Teile des Startmoleküls auseinandergerissen werden. Dieser brutale Akt der Zerstörung bezieht sich allerdings lediglich auf das Zusammenspiel der Elektronen in einer chemischen Bindung. Das Startmolekül wird also zugunsten eines hehren Ziels geopfert. Allerdings sterben Moleküle nicht so einfach. Die einzelnen Teilchen, die Atome, sterben eigentlich niemals und so kommt mir gerade in den Sinn, dass sowohl Kalle als auch ich oder meine Frau und meine Kinder aus unsterblichen Teilchen bestehen. Wir sind also Teil eines großen Ganzen und bestehen aus uralten Teilchen, die schon die Galaxis durchquert haben. Ein Gedanke, der mich erschaudern lässt.
Ich stelle mir vor, wie dieses kleine Startteilchen, das ich mit Hilfe der Kraft des Lichts erzeugt hatte, nun an seine schöpferische Arbeit geht. Es ist so ähnlich wie beim Billard: Das Energiequant – lustig, immer wieder dieser Begriff – ist der Billardqueue, das Startmolekül ist die weiße Kugel und die aufgestellten Billardkugeln sind die einzelnen Teilchen, aus denen ein Polymer, also der Kunststoff, entstehen soll. Lasst das Spiel beginnen. Als „Herr des Lichts“ – ich mag diesen Ausdruck – habe ich Anstoß. Ich übertrage meine ganze Energie auf die weiße Kugel und gemäß dem Impulserhaltungssatz schießt die Kugel los und gibt wiederum die Energie an die anderen Kugeln weiter. Es ist viel Bewegung im Spiel. Trifft eine dieser Kugeln auf eine andere, so gibt sie wiederum ihre Energie weiter. Ein heilloses Durcheinander entsteht. Es ist wie eine Kettenreaktion. Wie bei einer atomaren Kettenspaltung wird eine Startenergie dazu benutzt, viele Reaktionen auszulösen. Im Gegensatz allerdings zu der zerstörerischen Wirkung einer atomaren Spaltung, wie sie in Hiroshima oder Nagasaki zu trauriger Berühmtheit avancierten, ist die von mir ausgelöste Kettenreaktion lediglich auf das Bilden von molekularen Ketten beschränkt. In diesem ganzen Durcheinander finden sich die einzelnen Billardkugeln oder Moleküle und knüpfen aneinander, als wären die Kugeln magnetisch.
Zugegeben, Billard mit magnetischen Kugeln macht wenig Sinn und so gilt mal wieder der alte Satz: „Nicht alles, was hinkt, ist ein Vergleich!“. Ich stelle mir gerade vor, wie die einzelnen Kugeln zueinander finden und die entstehende Kette immer länger wird. Wenn ich das damals richtig verstanden habe, nennt man das Polymerisation und genau wie bei einer Kette oder einem Seil wird es immer schwieriger die Kette zu bewegen, umso länger sie wird. Kleine Stücke sind also beweglicher als große Stücke. Ich schließe die Augen und stelle mir vor, was gerade in dem Kleber passiert. Der flüssige Kleber – also die kleinen Teilchen – wird immer fester, weil die Kettenlänge größer wird. Das geht so lange, bis die kleinen Teilchen aufgebraucht sind. Eigentlich ganz einfach!
„Fahr endlich schneller“, kommt mir Kalles Stimme wieder in den Kopf. Warum eigentlich nicht, denke ich mir, aber irgendetwas fühlt sich falsch an. Wenn ich schneller fahre, dann erzeuge ich ja weniger Billardstöße, um bei dem Beispiel zu bleiben. Auf dem Billardtisch werden die Stöße ja nur in einer Ebene weitergegeben, aber mein Schlauchliner ist dreidimensional. Das heißt, ich brauche viel mehr Stöße und viel mehr Energie. Wenn ich jetzt schneller fahre, kann es sein, dass die Energie nicht ausreicht und die Reaktion stoppt. Das führt dann zwangsläufig dazu, dass die Kettenlänge geringer ist und damit ist das Molekül nicht mehr so stabil. Das war es, was sich falsch angefühlt hat. Fahre ich zu schnell, wird der Schlauchliner schlecht ausgehärtet. Da diese Reaktion nicht wie ein Lichtschalter, also an/aus, funktioniert, sondern eher wie ein Dimmer, also kontinuierlich, ist die Zuggeschwindigkeit letztendlich verantwortlich für die vollständige Aushärtung. Auch wenn ich gerne früher nach Hause zu meiner Frau und den Kindern möchte, ich kann die Chemie hier nicht überlisten. Ich muss Kalle enttäuschen!
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Ich wusste, dass meine Arbeit überprüft werden würde. Aus jeder Aushärtung wurde ein Probestück entnommen und in ein Labor geschickt, um analysiert zu werden. Auch wenn ich vor meinem geistigen Auge gesehen hatte, wie sich die Moleküle verbinden, so wusste ich nichts über die vielen Verknüpfungen und die eigentliche Kettenlänge. Ich hatte in dem Seminar gelernt, dass es tausende dieser Verknüpfungen braucht, um eine solche stabile Kette zu bilden, aber wie viele es letztendlich waren, konnte ich nicht mal erahnen. Dazu bedarf es eines Labors. Wir schickten die Proben immer zur SBKS GmbH und dann beginnt für uns immer der Teil, bei dem unsere Arbeit gemessen wird. Für mich, ein sehr aufregender Teil, wobei ich sagen muss, dass es Kalle eigentlich immer schon egal war, was dabei herauskommt. Aber niemand will bei seiner Arbeit schlecht bewertet werden und so kommt bei mir immer ein mulmiges Gefühl auf, wenn ich an die Materialbeprobung denke.
Aber was passiert im Labor eigentlich? Chemie war für mich immer ein Buch mit sieben Siegeln und auch wenn ich mittlerweile durch meine Arbeit großes Interesse daran habe, muss ich mir eingestehen, dass ich vieles nicht verstehe, wenn die Chemiker über Polymere reden. Irgendwie hört es sich immer ein bisschen wie eine eigene Sprache an, deren Vokabeln mir einfach nicht geläufig sind. Da wird oft von Viskoelastizität geredet, von Glasübergangstemperaturen – dabei mache ich doch gar nichts mit Glas –, von Enthalpien oder von Elastizitätsmodulen, und ehrlich gesagt vergrößert das meine Verunsicherung noch zusätzlich. Ich weiß, dass zur Bewertung des Schlauchliners auf jeden Fall die Wasserdichtheit überprüft wird. Nun, das klingt für mich auch logisch, dass es im Endeffekt ja auch der Grund ist, warum wir den Schlauch einbauen. Die Kanäle müssen abgedichtet werden. Umweltschutz, schießt es mir wieder durch den Kopf! Ein Beruf auf den ich stolz bin.
Neben der Wasserdichtheit muss allerdings auch noch irgendwie diese Vernetzung, die ich ja durch die Bestrahlung mit der Lampe ausgelöst hatte, gemessen werden. Der Kleber – oder besser gesagt das Harz – ist ja eigentlich flüssig und ich mache daraus einen Feststoff. Wie fest der Stoff dann geworden ist, finde ich persönlich schon interessant! Stellt sich mir nur die Frage: Wie bestimme ich eigentlich, inwieweit sich die Ketten gebildet haben und inwieweit sie sich vernetzen? Ehlich gesagt, da bin ich jetzt raus, aber dafür gibt es ja Labore, die so etwas können.
Kraft und Verformung, „a nice pair“. War das nicht ein Album von Pink Floyd? Aber klar, wenn ich auf einen sehr steifen Werkstoff draufdrücke, dann brauche ich viel Kraft und es wird sich wenig verformen. Bei einem eher weichen Material ist die Kraft geringer und die Verformung höher. Soweit hatte ich es verstanden. Aber inwieweit hilft uns das bei unserem Problem der Bestimmung der Vernetzung? Mein Kleber oder Harz, wie wir dazu sagen, ist ja am Anfang flüssig, und wenn ich in eine Flüssigkeit mit dem Finger reindrücke, brauche ich keine Kraft und die Flüssigkeit läuft um meinen Finger herum, also maximale Dehnung. Je steifer, oder dickflüssiger, das Ganze wird, umso fester muss ich drücken und umso schwieriger wird das Eindringen. Bei einem Feststoff geht es jetzt nicht mehr um den Finger, der irgendwo reingedrückt wird, sondern um die Verformung. Aber das Prinzip ist das Gleiche.
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Das führt mich dann unweigerlich zu der Frage: Wann ist denn eigentlich ein Feststoff ein Feststoff? Dieser doch eher philosophische Ansatz, über den sich in der Wissenschaft bestimmt trefflich diskutieren lässt, ist, wenn ich das bei der Laborführung damals richtig verstanden habe, messbar. Da gab es irgendwelche Kurven, die sich geschnitten hatten, aber ehrlich gesagt, das war am Nachmittag und meine Tagesaufnahmekapazität war schon überschritten. Aber vielleicht frage ich die „Laborjungs“ nochmal danach, wenn ich sie sehe. Ich glaube, die haben ihr 25-jähriges Jubiläum auf der Ro-Ka-Tech 2025, und wie ich die kenne, sind die am Feiern. Ein guter Zeitpunkt!
Ich höre Kalles Stimme wieder. „Mach‘s gut, Jupp, wir sehen uns am Montag.“ Wir waren zuhause angekommen. Ich war die ganze Rückfahrt in meinen Gedanken versunken. „Ja, mach‘s gut, Kalle. Genieß‘ dein Wochenende!“ Ich mochte Kalle und ich freute mich darauf, ihn am Montag wieder zu sehen. Aber als erstes freute ich mich auf meine Frau und meine Kinder.
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